«Kostenbremse-Initiative ein Eigentor!»

    Dr. med. Stephan Steiner, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin und Geschäftsleitungsmitglied des Aargauischen Ärzteverbandes, kennt das Gesundheitswesen und weiss, wo es im Argen liegt. Die Initiative «Für tiefere Prämien – Kostenbremse im Gesundheitswesen» würde die jetzt schon angespannte Situation nur noch verschärfen und ist für Ärzte wie auch Patienten eine Einbahnstrasse. Er zeigt hier auf, wieso es nicht funktioniert, Kosten des Gesundheitswesens an die allgemeine Teuerung zu koppeln.

    (Bild: zVg) Dr. med. Stephan Steiner: «Die Kostenbremse-Initiative führt dazu, dass wir zwar gleich viel für die Grundversicherung bezahlen, jedoch weniger dafür erhalten, selbst bezahlen müssen oder die Behandlungen verzögert erfolgen.»

    Sie sind Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin im Doktor Zentrum in Wettingen. Wie hat sich die Gesundheitsbranche in den letzten zehn Jahren verändert?
    Dr. med. Stephan Steiner: In den letzten zehn Jahren sind für mich einige Tendenzen wahrnehmbar. Zum einen der zunehmende «Druck», Patientinnen und Patienten ohne hausärztliche Betreuung neu aufnehmen zu müssen, damit die Notfallstationen nicht mit Bagatellen überfüllt werden. Durch den Mangel an Ärztinnen und Ärzten in der Grundversorgung (Hausarztmedizin, Kinder- und Jugendmedizin und Psychiatrie) gibt es viele Patientinnen und Patienten, die keine andere Anlaufstelle als die Notfallstationen haben.
    Daneben kämpfen wir seit Jahren um die Einführung eines neuen Tarifsystems (TARDOC), welches flexibler auf die Entwicklungen reagieren kann, als das überaltete momentane Tarifsystem (TARMED). Der Kostendruck in der Grundversorgung steigt, da wir in einem tariflich regulierten Umfeld der freien Markwirtschaft ausgeliefert sind, was Löhne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Miete, IT- und Energiekosten anbelangt. Einen Teuerungsausgleich bei den Einnahmen kennen wir nicht, müssen ihn aber bei den Ausgaben mitmachen. Der Taxpunktwert ist im Aargau seit 2007 unverändert.
    Die administrativen Aufwände haben spürbar zugenommen, sei es bei Rückfragen/Rechtfertigungen für Therapien gegenüber den Krankenkassen, neuen behördlichen Auflagen (Datenschutzgesetz, Sicherheitskonzepte, Elektronisches Patientendossier, Qualitätsnachweise/Zertifizierungen).Schliesslich ist seit der COVID-19-Pandemie auch eine veränderte Erwartungshaltung der Bevölkerung an die medizinische Versorgung wahrzunehmen: Vor zehn Jahren erfolgte ein Arztbesuch aufgrund von Symptomen mit entsprechenden Abklärungen zum Ausschluss einer Erkrankung. Heute erfolgen Arztbesuche häufig ohne Symptome, es soll sichergestellt werden, dass keine Erkrankung vorliegt. Die Abklärungen sind jeweils dieselben, mehr Patientinnen und Patienten müssen abgeklärt werden mit entsprechender Kostenfolge. Die Unsicherheit bezüglich Einordnung von Symptomen/Beschwerden nimmt zu – und dies trotz zunehmender Verfügbarkeit von Informationen im Internet. Die Gewichtung, ob etwas als schlimm oder harmlos einzustufen ist, ist für viele Menschen ohne medizinisches Fachwissen nicht möglich.

    Sie verfügen über 18 Jahre Erfahrung in Ihrem Beruf und kennen die Gesundheitsbranche. Wie effizient ist die Aargauische Gesundheitsversorgung und wo liegen die grossen Herausforderungen?
    Die Aargauische Gesundheitsversorgung ist meiner Meinung nach sehr effizient, ist aber aufgrund der chronischen Überlastung in einem äusserst labilen Zustand. Das System läuft konstant am Anschlag, der Frust ist verständlicherweise vielerorts aufgrund der genannten Veränderungen gross bis sehr gross. Es gibt Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten, in denen über 50 Prozent der Befragten angeben, an Burnout-Symptomen zu leiden. Dies ist beängstigend. Die aktuelle Polemik mit dem «Doctor-Bashing» hilft hier ganz sicher nicht!

    In welche Richtung entwickelt sich unser Gesundheitswesen, im Speziellen die Hausarztpraxen?
    Die Hausarzt-, Kinder- und Jugendmedizin- und Psychiatriepraxen sind an letzter Stelle der «Nahrungskette», obwohl unsere Arbeit nachgewiesenermassen die kostengünstigste Art der medizinischen Versorgung darstellt. Wir können in unseren Praxen bekannterweise 80 bis 90 Prozent der Probleme abschliessend lösen. Trotz Verankerung der Sicherstellung einer Grundversorgung in der Bundesverfassung (Abstimmung 2014) ist hier noch viel zu wenig geschehen. Ohne die äusserst befriedigende Arbeit, welche wir tagtäglich mit den Patientinnen und Patienten erleben, wären wohl viele Ärztekolleginnen und -kollegen nicht mehr in der Grundversorgung tätig. Etliche Praxen finden keine Nachfolge und drohen aufgrund Pensionierung der Inhaberärzte zu schliessen. Was das für die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen bedeutet, muss ich hier wohl nicht ausführen. Die demographische Entwicklung der Bevölkerung zeigt, dass in den nächsten Jahren bis Jahrzehnte sehr viele Menschen in ein Alter kommen, in dem chronische Erkrankungen auftreten. Diese Erkrankungen bedingen einerseits viel Abklärungs- und Betreuungsbedarf, andererseits dementsprechend auch Kosten.

    Kommen wir zur Initiative «Für tiefere Prämien – Kostenbremse im Gesundheitswesen», worüber wir am 9. Juni abstimmen. Sie will den kontinuierlichen Anstieg auf politischer respektive gesetzlicher Ebene stoppen. Ist dies aus Ihrer Perspektive als Aargauer Hausarzt der richtige Weg?
    Eindeutig NEIN. Da die Bevölkerung einerseits zahlenmässig zunimmt, andererseits eine Überalterung der Gesellschaft Tatsache ist, müssen die Kosten des Gesundheitswesens zunehmen. Daneben sind Übergewicht und begleitender Bewegungsmangel ein grosses gesellschaftliches und medizinisches Problem. Es sei denn, wir entscheiden als Gesellschaft, dass wir unsere hochstehende Medizin nicht mehr erhalten wollen und freiwillig auf Behandlungen, die aus der Grundversicherung bezahlt werden, verzichten. Unser solidarisches System ermöglicht allen eine gleiche, qualitativ sehr gute Behandlung. Die Kostenbremse-Initiative ist eine direkte Gefährdung dieses Systems. Wer selbst bezahlt, der bekommt schon heute alles, was gewünscht ist, daran würde auch die Initiative nichts ändern. Eine Zweiklassenmedizin wäre aber die direkte Folge.

    Wieso steigen denn die Prämien respektive die Gesundheitskosten jährlich so massiv?
    Für mich sind vier Faktoren entscheidend:

    • Die Überalterung und dadurch mehr ältere, kranke Personen, denen wir eine hochstehende Medizin ermöglichen.
    • Das steigende Auftreten von Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Blutzucker.
    • Die eingangs erwähnte Erwartungshaltung der Bevölkerung, eine Bestätigung zu erhalten, gesund zu sein und die Unsicherheit betreffend körperlicher oder psychischer Symptome.
    • Der zunehmende administrative Aufwand, welcher von der Kernaufgabe der Patientenbetreuung abhält.

    Welche Idee steckt hinter der Kostenbremse-Initiative?
    Für mich hauptsächlich eine politische. Zwischen den Extremen «rechts» und «links» will sich eine neue Partei etablieren und macht mit Kosteneinsparungen Werbung. Haushalte mit geringem Einkommen sind durch die Krankenkassenprämien sehr belastet. Einsparungen tönen auf den ersten Blick verlockend, bei genauerer Betrachtung ist es wie vorgängig beschrieben ein Eigentor. Auch die Idee, Kosten des Gesundheitswesens an die allgemeine Teuerung zu koppeln, funktioniert nicht. Das Bevölkerungswachstum, die Altersstruktur der Bevölkerung und Erkrankungen wie Übergewicht werden ausser Acht gelassen, obwohl dies direkt eine Auswirkung auf die Gesundheitskosten hat.

    Medizinische Versorgung wird mit dieser Kostenbremse-Initiative von der Konjunktur abhängig. Wieso ist das gefährlich?
    In wirtschaftlich schlechten Zeiten geht es den Menschen tendenziell schlechter (Stichwort Arbeitslosigkeit) und sie sind mehr krank. Genau dann muss in die Gesundheit investiert werden. Die COVID-Pandemie hat uns dies erst kürzlich vor Augen geführt. Müssten wir dann die medizinische Versorgung einschränken, wäre dies fatal und die Folgen nicht absehbar.

    Das Gesundheitswesen ist jetzt schon stark reguliert. Mit dieser Kostenbremse würde es noch stärke beschnitten. Wie sehen Sie das?
    Leider ist der politische Wille zu wenig vorhanden, das System zu vereinfachen. Ein erster Schritt wäre sicher die Einführung des TARDOC. Dieser ist von der Ärzteschaft schon lange abgesegnet, wird aber vom Eidgenössischen Departement des Innern/vom Bundesrat und von Santésuisse blockiert. In den letzten 20 Jahren gab es 44 Revisionen des Krankenversicherungsgesetzes. Jede Revision bedeutet für alle Beteiligten einen enormen administrativen Aufwand mit entsprechenden Kosten.

    Welche Folgen hat die Kostenbremse-Initiative für das Gesundheitspersonal, respektive für die Hausärzte?
    Die Lohnkosten sind für uns die Hauptauslagen in den Praxen. Lohnkürzungen bedeuten Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften aus der Patientenbehandlung in andere Bereiche. Die Grundversorgung gerät dadurch noch mehr unter Druck und droht auszusterben. Stirbt die Hausärztin, dann sterben Patienten.

    Was wären die Folgekosten der Kostenbremse?
    Es würde bedeuten, dass wir zwar gleich viel für die Grundversicherung bezahlen, jedoch weniger dafür erhalten, selbst bezahlen müssen oder die Behandlungen verzögert erfolgen. Verzögerte Behandlungen bedeuten schwerere Erkrankungen und dies wiederum höhere Kosten. Damit würde genau das Gegenteil des gewünschten Effekts eintreten. Für Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen wäre dies wohl tragbar. Für jene 50 Prozent Haushalte mit unterdurchschnittlichem Einkommen entsteht eine Zweiklassenmedizin. Diese gilt es für mich aus ethischen Gründen unbedingt zu verhindern. Wir Ärztinnen und Ärzte haben den hippokratischen Eid geschworen und wollen kranke Menschen behandeln und heilen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Glaube, sexueller Orientierung und sozialem Status.

    Interview: Corinne Remund


    Dr. med. Stephan Steiner, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin / Fähigkeitsausweis Manuelle Medizin SAMM wurde 1978 in Zürich geboren und ist in Eggenwil (AG) aufgewachsen. Nach der Bezirksschule in Bremgarten (AG) folgte die Matura an der Kantonsschule in Baden. Er ist seit 2023 Mitglied der Geschäftsleitung des Aargauischen Ärzteverbandes. Seit 2016 ist er Hausarzt am Doktor Zentrum Wettingen

    www.doktorzentrum.ch


    NEIN-Komitee
    Bis heute gehören dem Komitee folgende Organisationen an:

     

    • Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (svbg)
    • Spitex Schweiz
    • Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe)
    • Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK)
    • Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)
    • Schweizer Physiotherapie Verband (Physioswiss)
    • Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica (FMCH)
    • Schweizer Dachverband der Ärztenetze (medswissnet)
    • Die Spitäler der Schweiz (H+)
    • Schweizerischer Apothekerverband (pharmaSuisse)
    • Schweizerisches Konsumentenforum (kf)

    www.nein-zur-kostenbremse.ch

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